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Ein Staatsfeind im Bett
Klaus Renft wollte immer nur Musik machen. Als Legende alt zu werden, ist schwer genug, dann kam der Krebs
TAGESSPIEGEL, von Kerstin Decker

Das ist also der Mann, vor dem die DDR Angst hatte. Auch seinetwegen ab es den ersten und einzigen "Beataufstand" im Osten, den die erschrockenen Genossen "Gammleraufstand" nannten. Das war 1965. Drei Bands hatte er, alle wurden verboten, die letzte wegen "Beleidigung der Arbeiterklasse und Diffamierung der Staats- und Schutzorgane". Er lächelt. Er steht in der Tür einer Prenzlauer-Berg-Wohnung, die nicht seine ist, und sieht kein bisschen umstürzlerisch aus. Eher wie Joe Cocker. Das Alter stimmt auch. Und die Haare! Die hat er immer noch, trotz Chemotherapie. Wenn die DDR-Rockmusik einen Namen hatte, dann war es seiner - Klaus Renft.

Er erklärt, noch genau drei Minuten zu brauchen zum "Bartschneiden", aber wir könnten uns schon mal das Video des letzten Leipziger Renft-Konzertes ansehen. Das war Ende September. Da wusste er noch nicht, dass er Krebs hatte. Er ist kein Ankommer, auch mit fast Sechzig nicht. Er ist ein Wanderer. Er baut sich eine Wohnung aus, und wenn er damit fertig ist, zieht er wieder aus. Aber im Augenblick ist Klaus Renft ein schwerbeschädigter Wanderer, zuhause bei seiner Freundin, der Malerin. Es ist jetzt immer viel Musik in den drei Zimmern der Malerin. Kuno Kunert singt gerade die "Gelbe Straßenbahnballade". Das Fieber war schon da, auch bei diesem September-Konzert. Und es blieb. Klaus Renft war erstaunt.

Eigentlich hat er solche Dinge unter Kontrolle, Übelkeit oder eben erhöhte Temperatur. Die Oberhoheit über die eigenen Krankheiten war ganz wichtig in der DDR, zum Beispiel, wenn man aus der Armee austreten wollte. 1967 wurde Klaus Renft zur NVA eingezogen in der festen Überzeugung, es dort keinesfalls eineinhalb Jahre aushalten zu können. Also meldete er sich sofort beim "Medpunkt", um ihn nur zu unwesentlichen Anlässen noch zu verlassen. Im Krankenbett las er Lenin und erörterte Militärfragen probeweise vom leninistischen Standpunkt aus. Dann kam ein Offizier zu ihm und sagte, er möge von hier verschwinden, sich anderweitig für den Staat nützlich machen. Klaus Renft versprach es.

Der Bart ist fertig, das Leipziger Video-Konzert beim "Apfeltraum". Klaus Renft setzt sich an den Schreibtisch, blickt sehr ernst, nimmt die Pfeife und sagt, dass er gar kein richtiger Staatsfeind gewesen sei. Wahrscheinlich hat er recht. Vielleicht gibt es keinen friedfertigeren Menschen als ihn. Schwer vorstellbar, dass dieser Mann Aggressionen hat. Und braucht man die nicht als Staatsfeind, nicht zu vergessen ein gewisses Mindestinteresse am Staat? Klaus Renft wollte Musik machen, sonst nichts. Das ist noch immer so. Leben ist eine unabdingbare Voraussetzung, die Bühne zu betreten, Und Rockmusik, ist die ganze Welt in drei Tönen. Mahler etwa wäre die Welt in ein paar Tönen mehr, aber drei sind doch besser, manchmal. Und leichter zu spielen.

Renft und seine Musiker haben es geschafft. Sie haben dem Weltsinn eine Notenfalle gestellt und er ist da wirklich reingegangen. Er wohnt seit fast dreißig Jahren in Liedern wie "Als ich wie ein Vogel war" oder "Nach der Schlacht". Zumindest für eine Generation im Osten, oder sind es gar zwei? In Buch hat Klaus Renft es wieder gemerkt. Jeden Tag in den letzten Monaten fuhr er dahin, zur Chemotherapie. Und er war nicht irgendein "Krebs", er war Klaus Renft, alle kannten ihn. Gestern haben sie in Buch, im Krankenhaus, ein Konzert gegeben.

Klaus Renft zündet sich eine neue Pfeife an. Die Pfeife schmeckt. Aber das Bier nicht. Das Bier schmeckt noch nicht nach Bier. Das liegt an der Chemie, sagt er. Die geht nun langsam aus seinem Körper raus. Dann werden die Dinge ihren Geschmack wiederhaben. Dann wird auch die Welt wieder etwas farbiger aussehen. Aus der Nähe betrachtet, sieht auch eine leibhaftige Legende ziemlich unlegendär aus. Und doch. Irgendwie muss er seinen Namen als Gewicht spüren auf den Schultern und die Schwerkaft der alten Lieder dazu, die die neuen noch immer erdrücken. Der Musiker schaut uns erstaunt an. Aber nein, nein, er spiele die alten Sachen gern. Sie würden ja immer wieder erneuert dabei. Und wir sollten mal an das "Gänselieschen" denken oder das "Chilenische Metall". Ausgepfiffen haben die das früher in der DDR, vielleicht weil im "Gänselieschen" das Wort LPG - Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft - vorkam, und nun? Singen sie alle Strophen mit.

Musik ist Spaß, findet Klaus Renft. Und ausschlaggebend, bestimmt er, sei nicht die Note, die du spielst, sondern die, die du hörst. Eine Selbstrechtfertigung? - Musik ist todernst, finden wohl "Monster" und "Cäsar", Thomas Schoppe und Peter Gläser, die beiden Sänger und Gitarristen von früher. Sie sind nicht mehr dabei. Ihre Stimmen fehlen. Kann man Schoppe, diesen Renft-Urschrei noch in den leisesten Tönen überhaupt ersetzen? - Kann man nicht, sagt Klaus Renft, braucht man auch nicht. "Vom Ich zum Wir". Die alte Parole des Sozialismus sei gar nicht so dumm, jedenfalls für eine alternde Rockgruppe. Und überhaupt: Bei Renft dürfe jetzt jeder singen, denn jeder kann singen, wenn man ihn lässt. - Jeder kann singen? Welch katastrophale Nachricht für einen Sänger. Und doch ist es eine Altersklugheit. Sich selbst gelassen nehmen. Klaus Renft hat es gelernt.

Bald wird er wohl wieder umziehen. Mit der Malerin zusammen. In Westberlin, wo er seit 1976 lebte, war er schon lange nicht mehr. Die Zeit als Musikredakteur beim Rias und Tonmeister am Renaissance-Theater scheint ihm so unwirklich jetzt. Wie hinter Glas. Eine Zeit ohne Bühne. Und malen wird er wieder. Die letzte Ausstellung auf Malta ist gerade zuende, er hat die Bilder noch nicht ausgepackt.

Und selbst der Krebs, besaß er nicht einen geheimen Auftrag? Klaus Renft stellt fünfzehn CDs vor sich hin. Der umgewandelte Inhalt einer Kiste mit alten Tonbändern. Die Kiste hat er weggeben, als er von der Krankheit erfuhr. Keiner erinnerte, was drauf war. Keiner hatte die alten Ost-Abspielgeräte. Und jetzt hören wir Renft von 1958, 1959 und 61. Alles auf CD. Der Musiker sitzt auf dem Bett und fragt nach jedem zweiten Stück: Schon mal 'ne Band gehört, die damals im Westen so gespielt hat? - Und dann kommt das Renft-Konzert vom 11. September 1975 in Zeitz, live. Es war ihr letztes vor dem Verbot. Sie wussten es. Sie sagten es auch. Sie provozierten. Klaus Renft nimmt die Gitarre und spielt mit. Er ist ganz tief im Jahr 1975, im Hydrierwerk Zeitz. Da holt ihn jetzt keiner raus.


Die Klaus Renft Combo spielt heute (ausverkauft) und Sonntag um 20 Uhr im Bräustübl/ Alter Ballsaal (Müggelsee Damm 164). (12.01.2001)
Ein Staatsfeind im Bett
Ein Gesicht wie Joe Cocker: Klaus Renft rockt wieder, nachdem eine Krebsdiagnose sein Leben verändert hatte. Foto: Oliver K.
[Tagesspiegel]
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