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Die Zeit kämmt das Haar mit Zangen
(Berliner Zeitung/BerlinOnline)
Von Torsten Wahl. Klaus Renft Combo im Berliner Tränenpalast

Eine halbe Stunde schon spielt die Band ohne ihren Chef und Gründer Klaus Renft. Christian "Kuno" Kunert beherrscht die Bühne im Tränenpalast. Für das neue Album der Klaus Renft Combo, das erste seit 25 Jahren, hat sich der hoch begabte und vielseitige Musiker aufgerafft und die Mehrzahl der Songs beigesteuert. Seine helle, im Thomanerchor geschulte Stimme steht in auffälligem Kontrast zum wilden Äußeren, seinem massigen Körper, dem Vollbart und dem verwegenen Tuch über der Halbglatze.

Kuno Kunert witzelt über das Alter und die Bandhistorie: "Die nächste Platte kommt 2025 heraus und kostet 25 Rubel. Das ist genau so wahrscheinlich, als wenn ich euch 1974 gesagt hätte, dass unser nächstes Album in 25 Jahren erscheint und Westgeld kostet!" In jenem Jahr 1974 gehörte Kunert zur radikalen Fraktion der Combo, die sich mit der Obrigkeit anlegte und dabei in Konflikt mit den gemäßigteren Musikern um Klaus Renft gerieten. Ihr Verbot kam dem Zerfall zuvor und machte Renft zur Legende. Nachdem sie in wechselnden Zusammensetzungen seit 1990 vom Ruhm gezehrt und dabei ihre Streits fortgesetzt hatten, wagt die Klaus Renft Combo mit der jetzigen Besetzung einen neuen Anfang.

Das T-Shirt von 1974

In Songs wie "Wenn du groß wirst inner Kleinstadt", getextet vom 1998 verstorbenen Gerulf Pannach, wirkt sie deutlich schärfer als bei den immer etwas gequälten Reunion-Auftritten. Mit dem hünenhaften Marcus Schloussen hat die Band zum ersten Mal einen richtig guten Bassisten. Das Bassgegrummel von Klaus Renft vermisst keiner wohl aber den Bandchef. Sogar Christoph Dieckmann, das Ost-Gewissen von der "Zeit", brüllt energisch nach "Klaus". Endlich erscheint dieser, begleitet von Kunerts Witzelei ("Er trägt das T-Shirt aus der rund -Sendung von 1974 ungewaschen!"). Er nimmt das Mikro, raunt "Es war da eine Zeit", mit einer schaurigen Nicht-Stimme, die vom begleitenden "Schubidu" der "Trällerasseln" ironisiert wird. Mit seinen 57 Jahren blickt Klaus Renft gelassen auf die jungen Springer herab: "Die Zeit kämmt mir das Haar mit Zangen ist das etwa nichts?"

Während das Album etwas disparat und kleinkünstlerisch daherkommt, wirken die neuen Songs live überraschend geschlossen, vor allem, wenn die Renftler zu viert singen. Der bluesig getönte Song über die "U-Bahn" hat die frühere Urgewalt, in Peter Kschentz' tragikomischer Folkballade über einen älteren Arbeitslosen namens "Ernst Lustig" flackert die frühere visionäre Kraft auf. Erst in der zweiten Stunde greift die Band auf ihre Klassiker aus den siebziger Jahren zurück, geht aber respektloser als gewohnt mit ihnen um. Peter Kschentz singt die Songs von Peter Gläser, Kuno Kunert nimmt sich auch die Lieder von "Monster" Tschoppe vor bisher war so etwas tabu. Das "Lied von der alten Woche", gesungen von Jochen Hohl, dem früheren Trommler, der heute in Lübeck Zahnspangen herstellt und nur noch als Gast dabei ist, wird zum kraftvollen Work-Song. Dazu werden Stücke wie die "Gelbe Straßenbahnballade", die früher nie live gespielt wurden, neu entdeckt. Oben auf der Tribüne sitzt eine ältere Frau und freut sich wie ein kleines Mädchen: Luise Mirsch, ihre frühere Produzentin im Rundfunk.

Ostalgie gewünscht

Die Fans aber fordern immer lautstarker ausgerechnet das harmlose "Gänselieschen". Ganz zum Schluss wird die Band schwach und singt: "Unsere LPG hat hundert Gänse", was heute ostalgisch klingt. Hier kommt auch "Monster" Tschoppe, der Intimfeind von Klaus Renft, auf die Bühne und gibt der Band pathetisch seinen Segen. Wichtig ist das nicht mehr: Die Musiker um Renft wissen zwar, dass sie die Welt nicht mehr aus den Angeln heben können aber sie haben sich wieder neu zusammengefunden und aus der Abhängigkeit der immergleichen Erwartungen befreit.

(20.09.1999)
[Berliner Zeitung]
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