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»Als ich wie ein Vogel war«
Zum Tode des deutschen Rockmusikers Klaus Renft
Er sang, er spielte, er hat gemalt, und vor allem war er ein unbekümmerter Nomade des Daseins. Ein Lebenskünstler, für den klar war, wo genau Armut beginnt: ab Reichtum aufwärts.
Klaus Renft, 1942 bei Jena geboren, begründete jene grandiose Leipziger Klaus-Renft-Combo, die in den siebziger Jahren Kultstatus hatte (»Nach der Schlacht«, »Ballade vom kleinen Otto«, »Gänselieschen«): rauhe Unberechenbarkeit und heiterstes Unbehaustsein. 1958 war Renfts erste Gruppe gegründet, vier Jahre später verboten worden, wegen »Verbreitung amerikanischer Unkultur«. Auch die nächste Gründung, »The Butlers«, muss wieder von der Bühne: »Das Auftreten Ihrer Kapelle steht in Widerspruch zu unseren moralischen und ethischen Prinzipien.« Prinzipien? »The Butlers«, das war Neid auf die Beatles, war Suche nach einem eigenen Liverpool zwischen Mülsen und Röcknitz. Das Verbot wurde ein Auslöser des berühmten Leipziger »Beataufstands«: Oberschüler demonstrieren für ihre Musiker. Polizei marschiert auf. »Grüne« gegen »Gammler«. Jugend feixte, zürnte.
Jene ruhmvolle »Klaus Renft Combo«, entstanden 1967, wird zwölf Jahre später verboten, wegen »Beleidigung der Arbeiterklasse«. Sie wurde, blieb Legende. Klaus Jentzsch, der sich nach seiner Großmutter Renft nennt (als »Ranft«, als »Renfter« bezeichnet man im übrigen in Thüringen die bissfesten Brotkanten), galt als gemütsfester Eulenspiegel, als störrischer Held einer intelligenten Einfalt, der zum NVA-Appell in Hauslatschen kam. Ein Erfinder der Spaßgesellschaft, nur leider mitten im Sozialismus.
Aus diesem Spaß wird politischer Ernst, weil Renft stur unwendig bleibt, eisern spielerisch. Die Gruppe treibt den Staat in einen Spagat, den der nicht schafft. »Wer die Rose ehrt« oder »Ketten werden knapper« werden zu Hits einer internationalistischen Romantik, mit denen die FDJ geradzu für sich selber werben kann – andererseits bleibt »Renft«, im Gegensatz zum Lieblingsfeind »Puhdys«, die schmutzige Band, die im sauberen Staat herumräuberte und herumsoff, bleibt die verachtungsfrohe Truppe, die in der spießigen Sittsamkeit mit Wonne und Wucht herumwilderte. Sympathisch an Klaus war immer die ruppige Naivität, mit der er politische Mythenbildungen ablehnte: Als die Band 1973 zerschlagen wird, stand sie kurz vorm selbstverschuldeten Kollaps. »Renft«, das war immer Selbstzerfleischung und biergetränkte Streitgier. Streit um zu scharfe oder zu schlappe Texte; Streit auch um Renft selber – zu viel Kult oder zu wenig. »Der Staat war blöd, er hätte bloß warten brauchen.« Er konnte nicht warten, bei Liedthemen wie Selbstmord, Republikflucht. Er zeigte seine Macht, alle sahen die blanken Nerven.
Nach der Wende tingeln sich Renft und Co. – weiterhin mal miteinander, mal gegeneinander – durch die Erinnerung. Das Leben findet nicht mehr zwischen Liebe und Zorn statt, wie es im Song von Gerulf Pannach heißt, sondern zwischen Liebe und Müdigkeit. Die Helden haben Wanne und Lüftung an der Frisur, aber sie treten auf, und wenn es härteren Streit gibt, Thomas »Monster« Schoppe sogar eine Gegenband gründet, dann sagt Renft: »In jeder Psychiatrie gibt es drei Napoleons, warum soll's nicht zwei Renfts geben.«
Renfts Rechtsanwalt hatte ihn und seine Frau im Mai 1976 nach Berlin gefahren, Grenzübergang Friedrichstraße. Ausreise wegen Heirat einer Griechin. »Den politischen Grund wollte ich denen nicht liefern.« Der Anwalt weint beim Abschied. Danach schreibt er alles auf. IM. »Seitdem weiß ich«, sagt Renft später, »dass Anwälte ein besonderes Talent haben«. Beim Lesen seiner Stasi-Akte waren nicht die Namen das Schlimmste, jene geschwärzten Balken, hinter deren Klartext er kam – das Schlimmste war das Bild, das man von ihm entworfen hatte. Er war das »Sperrobjekt«, kein Mensch mehr. Freilich, unfreiwillig perspektivisch dachten seine Verwalter. Die Akte Renft trug früh den Vermerk »Geschichtlich wertvoll«.
In seinen Westberliner Tagebüchern stehen solche Sätze: »Wenn ich diese Spießbürger ringsum nur sehe! Arme Schweine. Wenn die Menschen ihren Druck abschütteln könnten, wie wären die fähig zur Revolte. Wie würde die Welt brennen, und die Kinder hier hätten ihr Fest. Das erste ihres Lebens.«
Sein Lieblingsbuch war »Alexis Sorbas«. Da steht sein Gewitterspruch drin: »Nicht, weil zwei Wolken aufeinandertreffen, springt ein Funke über; zwei Wolken treffen aufeinander, damit ein Funke überspringen kann.« Deshalb hat Renft Musik gemacht, hing am Bass wie an der Nadel, mal glänzend, mal grottengrässlich, aber immer genialisch gelassen. Der Pate mit der weichen Seele.
»Als ich wie ein Vogel war/ Der am Abend sang/ Riefen alle Leute nur/ Sonnenuntergang!/ Alle Vögel sind schon da/ Keiner der das rief/ Ohne Stimme flog ich fort/ Als schon alles schlief.« Die Combo. Zarte Trauer. Listiges Besingen der Flucht. Entschlossener Akkord, der das ganz andere Leben anschlägt.
An der Mauer hat sich diese Gruppe den Kopf nicht nur eingerannt. Sie hat ihn benutzt. Das hat die Mauer ausgehalten, der Staat nicht. Am Montag ist der warmherzige Klaus Renft in Thüringen gestorben, 64jährig, an Krebs. (09.10.2006)
[ND]
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