Das Dream-Team des Ost-Rock - LEGENDEN STERBEN NIE!
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Geschmeidig und anpassungsfähig wollte die Renft Combo nie sein
(Von Holger Elias (Text) und Anja Ulbricht (Fotos).

Weimar (LiZ) - Es sollte ein schier endloses Doppelkonzert im Weimarer Club mon ami werden. Rund vier Stunden bekamen die Fans der Ostrockmusik richtig was auf die Ohren. Zunächst hatte Cäsar mit seinen Spielern zum Auftakt der Multisession geladen und erhielt freundliche Ovationen. Der Funke hingegen wollte zu dem „frühen“ Zeitpunkt noch nicht ganz überspringen. Cäsars Suche nach einer neuen musikalischen Identität, sicher auch durch die jugendliche Mannschaft wesentlich beeinflusst, wird bei denen offenbar noch missverstanden, die den Ex-Renftler permanent mit den großen Songs wie „Cäsars Blues“, „Apfeltraum“ oder „Wer die Rose ehrt“ in Verbindung bringen wollen.
Gerade deswegen tobte der Beifall der Leute gerade immer dann, wenn einer der alten Songs angestimmt wurde. Jede Textzeile war gut bekannt und wurde inbrünstig mitgesungen. Und die tiefe Stimme des Meisters produziert noch immer ein angenehmes Kribbeln in der Magengegend der Zuhörer. An den Qualitäten seiner Mitstreiter gibt’s auch wirklich nichts zu deuteln. Angenehm ist auch, dass Cäsar sich vor allem der Förderung (blut)junger Musiker verdient macht. Vielleicht erinnert er sich gerade dabei an den Zufall des Jahres 1966, als er ein Casting vor Klaus Renft auf einer Parkbank bestand. Erste Auftritte als Barmusiker folgten. 22 Uhr holte ihn sein Vater dort ab, denn Cäsar war noch keine achtzehn.

Teil zwei gehörte aber den lebenden Legenden des Ostrocks, der Klaus Renft Combo. Ohne Worte verstanden sich Fans und Musiker von Beginn an. Der Saal bebte regelrecht, als das Lied „Als ich wie ein Vogel war“ angestimmt wurde. Auch in diesen Text wurde seinerzeit sehr viel mehr zwischen die Zeilen hineininterpretiert, als man heute heraushören würde. Andere Hymnen folgten wie „Wandersmann“, Gänselieschen“, „Apfeltraum“ oder „Wer die Rose ehrt“.

Wer Renft über Jahre nicht hören konnte, der wird sich eine der begehrten Karten im Zwiespalt gekauft haben: Bis kurz vor Auftrittsbeginn ist immer nicht ganz klar, ob der von einer Krebserkrankung gezeichnete Bandchef Klaus Jentsch überhaupt selbst spielen kann. Nach dem Tod des ältesten Renftlers Peter „Pjotr“ Kschentz im vergangenen Jahr, fehlt ohnehin eines der Markenzeichen.

Es gibt genügend Beispiele dafür, dass gerade Musiker um die Sechzig durchaus noch einmal eine Blütezeit erleben. So ist mir die Jazzrock-Band Colosseum in angenehmer Erinnerung, die mit dem Slogan warb, so gut wie nie zuvor sein zu wollen. Ganz schön dick aufgetragen. Die anfängliche Skepsis wich allerdings sehr schnell. Sie waren zwar älter geworden, gewiss. Aber ihrem Improvisationsvermögen tat das sichtbar gut.

Bei Renft ist das nicht anders. Christian „Kuno“ Kunert, mit 53 der „junge Dachs“ der Band, brilliert wie eh und je. Heinz Prüfer führt indes nahtlos die gute Tradition großartiger Renft-Gitarristen fort. Sehr viel mehr als nur eine Ergänzung ist die Rückkehr von „Monster“ Thomas „Monster“ Schoppe. Auch Marcus Schloussen am Bass und Schlagzeuger Delle Kriese passen sich nahtlos in das Renft-Konzept ein.

Zwangsläufig begibt man sich mit der Band auf eine Zeitreise. Publikum und Musiker vereinigt die Tatsache, dass sich in ihrem Ursprung ähneln. Sie haben vergleichbare Biografien, allenfalls eine unterschiedliche Wahrnahme ihrer Geschichte. Kein Wunder, denn ganz sicher befanden sie sich seinerzeit auf unterschiedlichen Seiten einstiger Barrikaden.

Es gab über Jahre einen Streit darüber, wer denn nun in der DDR die beste Band aller Zeiten war. Glaubt man der kommerziellen Sicht, gemessen an den produzierten Platten und der endlosen Songs, die durch den DDR-Rundfunk geschickt wurden, dann fällt eine Wahl leicht: Die Puhdys haben sich in der Masse ihrer auf den „Markt“ geworfenen Scheiben über Jahrzehnte regelrecht überschlagen. Meist schön süffig und hautnah am Publikum ausgerichtet, waren sie die Gewinner, wurden als Systemkonform mit Konzerten im Westen belohnt. Die Querköpfe von Renft konnten da nicht mithalten: Wer gegen den Staat meckert, der kam auf die Warteliste der staatlichen Platenfirma Amiga ganz nach hinten.

Dafür konnte die Klaus Renft Combo für sich verbuchen, ihrer Zeit musikalisch um Jahre voraus gewesen zu sein. Sie hatten das experimentelle Feld für sich entdeckt, präsentierten sich so vielseitig wie kaum eine andere Band in den Siebzigern. Wer sich an Cäsars unnachahmlichen Stil erinnert, seine E-Gitarre aufleben zu lassen und sich mit geschlossenen Augen in die Welt seiner erzeugten Klänge zu begeben, wird das verstehen. Wenn Jochen Hohl sein Schlagzeug derart beanspruchte, dass er nur noch von den eigenen Kollegen auf die Welt musikalischer Tatsachen zurückbeordert werden konnte, brannte die Luft. Ganz zu schweigen von Pjotrs eindringlichen Bläsersequenzen, die man aus hundert anderen heraushören konnte. Oder Schoppes eindringliche Stimme. Puhdys gegen Renft, das war wie Masse gegen Qualität.

Was die beiden Bands allenfalls auf eine Stufe heben könnte, wäre die Tatsache, dass es sie beide noch gibt. Man kennt sie – und das nicht nur im Osten. Aber besonders hier, wo es eigentliche keine geografischen Grenzen mehr geben dürfte, werden sie gefeiert. Hier verstehen die Leute die Botschaften zwischen den Zeilen, wissen was damals gemeint wurde - und was man heute zu meinen versucht. An der Herangehensweise hat sich vielleicht etwas geändert: Die eine Band hat ihr Standardpersonal von damals und vertraut – wie damals – auf die Hörgewohnheiten der Fans. Ganz schön clever.

Renft ist auch diesbezüglich anders geblieben. Zwangsläufige und freiwillige Trennungen gab es, Meinungsverschiedenheiten führten fast dazu, dass künstlerischer Stillstand zustande kam. Den gab es zwangsläufig, als sich die Führungsetage der DDR-Kulturpolitik mehrfach von den aufmüpfigen Musikern an die Beine gepinkelt fühlte. Der exzentrische Gerulf Pannach hatte daran sicher einen großen Anteil, denn dessen Texte galten oftmals als Stein des Anstoßes. Angeblich soll der Texter und Liedermacher auch intern zu Streit herausgefordert haben. Klaus Renft, der Bandchef, bekannte später freimütig. Wenn die Renftler nicht nach ihrer zweiten Scheibe sowieso verboten worden wären, hätte sich die Gruppe wahrscheinlich selbst aufgelöst.

Mit Renft war Schluss, die einzelnen Mitglieder gingen fortan ihre eigenen Wege. Schoppe, Renft, Kunert und Pannach machten „abschließende“ Erfahrungen mit der Staatsmacht, gingen entweder gleich in den Westen oder kamen wegen „staatsfeindlicher Hetze“ in den Knast. Mit der großen Freikaufwelle nahmen sie schließlich auch den Weg über einstige staatliche Grenzen.

Drüben schlug sich jeder - so gut es eben ging – durch Klaus Renft verdingte sich beispielsweise beim Rias als technischer Mitarbeiter, war dort für den guten Klang des – durchaus nicht unumstrittenen Senders – verantwortlich. Gelegentliche Auftritte blieben von der Allgemeinheit im Westen fast unbeachtet. Pannach machte da sicher eine bessere Figur, allerdings verstand die hintergründigen Botschaften zwischen den Zeilen, auf welche die Ossis geeicht waren, drüben kaum jemand.

Eigentlich setzten nur zwei Renftler ihre musikalische Karriere in der DDR fort. Das einstige Fohlen im Stall, der Gitarrist Cäsar alias Peter Gläser, gründete die durchaus erfolgreiche Band Karussell und gab dieser das musikalische Gepräge. Auf diesem Weg war ihm zunächst Jochen Hohl gefolgt, der bei Renft 1970 eingestiegen war und dort zuerst Rhythmusgitarre spielte und im Background-Chor (!) singen musste. Später ging Cäsar wegen Unstimmigkeiten und verfolgte fortan eigene Projekte. Die Spur von Hohl verlor sich nach dem Abgesang von Karussell zunächst. Heute steht der sympathische Drummer dann und wann wieder und trommelt wie in alten Zeiten für Renft.

Geschmeidig und anpassungsfähig wollte die Klaus Renft Combo nie sein. Auch die Texte ihrer neueren Songs verbinden die gute hausgemachte Musik mit sinnigen Texten. Und von der neuen Zensur im neuen Deutschland haben sie ohnehin die Schnauze gestrichen voll. Die Ostbands gehören nicht zu denen, die von den westlichen Plattenkonzernen mit Verträgen überhäuft wurden. Mögen die politischen Kämpfe in der einstigen DDR bittere Erkenntnisse zutage gefördert haben, so wuchs der Baum der Erkenntnis sicher in der neuen Nachwende-Welt, in der ja alles besser werden sollte, weiter an. Die Mitglieder der Renft Combo mussten das tun, was sie immer getan haben, nämlich um die eigene Existenz kämpfen. Gnadenlos und unbeirrt, aber nicht ohne Gefühl. Ihre Konzerte sind der beste Beweis dafür, dass es die „alten“ Querköpfe noch immer und leibhaftig gibt. Und das ist gut so und sollte so bleiben.

(14.04.2006)
[LiZ]
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