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Stasi-Opfer setzen Zeichen gegen Verharmlosung
Lesung im Abgeordnetenhaus auf Einladung von Momper
Jan Thomsen (Berliner Zeitung) Was es heißt, wegen "staatsfeindlicher Hetze" im Untersuchungsgefängnis des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) zu sitzen, kann Christian "Kuno" Kunert erzählen. Der 53-jährige Liedermacher - Keyboarder und Songschreiber der in der DDR verbotenen Klaus-Renft-Combo - wurde im November 1976, im Jahr der Ausweisung Wolf Biermanns, zusammen mit dem Renft-Texter Gerulf Pannach verhaftet und nach Hohenschönhausen gebracht. Knapp ein Jahr später kaufte die Bundesrepublik sie frei. Eigentlich wolle er die alten Stasi-Geschichten hinter sich lassen, ließ Kunert kürzlich wissen. Doch einen Auftritt gestern Abend im Berliner Abgeordnetenhaus sagte er dann doch zu.

Wider die Verfälschung

Zu der Lesung im Plenarsaal eingeladen hatte ihn der Parlamentspräsident Walter Momper (SPD). "Zeichen setzen" soll die Veranstaltung, das ist auch ihr Titel. Es geht um Zeichen dagegen, dass "frühere Gefängniswärter und Stasi-Mitarbeiter ihre eigene Geschichte unwidersprochen verfälschen und die Deutungshoheit bei der Aufarbeitung beanspruchen" könnten, wie es Momper erklärt. Neben Kunert wollten auch die ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Vera Lengsfeld, in der DDR wegen "versuchter Zusammenrottung" verurteilt, und der Schauspieler Udo Schenk, der 1985 aus der DDR in den Westen floh, kommen.

Der Anlass, dieses Zeichen im Landesparlament zu setzen, ist genau drei Wochen her: Auf einer Veranstaltung in Hohenschönhausen, in einem der alten MfS-Dienstgebäude, hatten sich ehemalige Stasi-Offiziere lautstark über angebliche "Lügen" in der wissenschaftlichen Arbeit der von Bund und Land getragenen Stiftung Gedenkstätte Hohenschönhausen beschwert. Sie behaupteten, den Besuchern werde ein "Gruselkabinett" präsentiert und verhöhnten die Opfer mit der Feststellung, es sei dort doch ganz human zugegangen. Eigentlich sollte an jenem Abend auf Einladung des Bezirks und der Senatskulturverwaltung über die Ausweitung des Gedenkens diskutiert werden, aber im überfüllten Saal dominierten letztlich die Ex-Hauptamtlichen, darunter auch ein Stellvertreter von Stasi-Chef Erich Mielke und ein ehemaliger Leiter des Untersuchungsgefängnisses.

Besonders die Reaktion - genauer: die Nichtreaktion - von Kultursenator Thomas Flierl (Linkspartei.PDS), der als Vertreter des Landes auf dem Podium saß, sorgte danach für erregte Debatten. Denn Flierl verstand es nicht, sich klar hinter die Arbeit der Gedenkstätte und hinter die Opfer zu stellen. Stattdessen nannte er die Stasi-Mitarbeiter "Zeitzeugen", mit denen es eine "qualifizierte Debatte" zu führen gelte. Flierl räumte später ein, nicht entschieden genug aufgetreten zu sein, lehnte eine ausdrückliche Entschuldigung - gefordert von CDU, FDP, Grünen und manchen Sozialdemokraten - jedoch ab.

Kämpfen "wie ein Löwe"

Auch der Leiter der Gedenkstätte, der Historiker Hubertus Knabe, sagte damals, er wünsche sich, dass Flierl als Stiftungsratsvorsitzender "wie ein Löwe" für die Gedenkstätte kämpfe. Sein Haus brauche öffentliche Unterstützung. Knabe, bekannt gerade für besonders scharfzüngige Verurteilungen des DDR-Unrechts, regte daraufhin eine Veranstaltung für die Stasi-Opfer im Abgeordnetenhaus an, die FDP-Fraktion nahm die Initiative auf - und Momper organisierte schließlich die Lesung gestern abend. Auch Kultursenator Flierl wollte teilnehmen.

Ein "Geschichtsrevisionismus", wie ihn die gut organisierten Ex-Stasi-Offiziere zu verbreiten suchten, dürfe nicht geduldet werden, sagt Knabe. Dies solle die Veranstaltung deutlich machen. Auch die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, hatte kürzlich von einer neuen "aggressiven Propaganda" der ehemaligen Hauptamtlichen gesprochen. Ein Politiker wie Flierl, sagte Birthler, müsse aber in einer solchen Situation fähig sein zu reagieren. (05.04.2006)
[Berliner Zeitung]
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