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„Uns verstand niemand, wir waren zu laut“
Vor 30 Jahren wurde die Klaus Renft Combo bei den Weltjugendfestspielen gefeiert. Dann wurde die Band verboten. Eine Erinnerung
Herr Renft, Ihre Band, die Klaus Renft Combo, galt als wildeste Rockgruppe der DDR. Sie traten in Orten wie Hellerau, Röcknitz und Gaschwitz auf. Was bedeutete es, 1973 nach Berlin eingeladen zu werden?

Wir hatten bereits fünf oder sechs Nummer-1-Hits, sonst wären wir gar nicht für die Weltjugendfestspiele in Frage gekommen. Unsere erste LP war erschienen und wir zählten zu den so genannten „Spitzengruppen“. Gleich hinter den Puhdys. Oder die gleich hinter uns. Daran hat sich die ganze Republik gespalten. Die Puhdys waren die kommerzielle Rock-Variante, wir stellten das Rebellentum dar.

Man hätte Sie gar nicht übergehen können?

Eigentlich nicht. Trotzdem wussten wir bis zuletzt nicht, ob wir fahren durften. Leipzig, wo wir herkamen, war sehr stalinistisch. Dort wollte man unbedingt verhindern, dass wir nach Berlin reisten. Schließlich setzten sie uns einen Stasi-Mann mit ins Auto, einen „Betreuer“. Und so sind wir dann doch losgefahren. Geplant waren vier oder fünf Konzerte, aber am Ende haben wir pro Tag mindestens zwei Auftritte absolviert, am Alexanderplatz, Unter den Linden, im Stadion der Weltjugend, in der Wuhlheide, auf der Karl-Marx-Allee, überall, wo sie ein Podium aufgebaut hatten, erwarteten sie uns schon. Wir spielten, haben uns kurz feiern lassen, danach noch ein Bier, rinn ins Auto und weiter.

Das wurde spontan entschieden?

Natürlich. Die Organisatoren merkten erst während des Festivals, welche Wirkung wir auf die Leute hatten. Das waren keineswegs nur Stalinisten. Viele von denen waren ernsthaft daran interessiert, dass es in der DDR endlich vorwärts geht, dass jemand die Scheißkäseglocke anhebt. Klar, die wollten vor dem internationalen Publikum auch glänzen und niemand war dafür geeigneter als wir, die wir sowohl eigene Songs spielten, als auch eine westliche Rocktradition verkörperten. Da wurden wir überall angefordert – „Wann kommen denn die?“

Mussten Sie Ihre Instrumente selbst schleppen?

Normalerweise schon. Wir hatten ja keine Roadies, die uns das abgenommen hätten. Aber in diesem Fall waren sofort FDJler da. Wir konnten gar nicht so schnell gucken, wie die unser Zeug ausgeladen und auf die Bühne geschafft haben.

Eine Band Ihres Renommees hätte im Westen einen großen Mitarbeiterstab gehabt.

In der DDR waren Stars nicht vorgesehen. Das ZK sprach stets von den „musizierenden Werktätigen“, denn Musik wurde als Freizeitgestaltung begriffen. Außer in einem Rundfunkorchester sollte es keine Berufsmusiker geben. Deshalb taten die sich so schwer, uns anzuerkennen, die hatten uns nicht gewollt. Nur wurden die Westsender immer stärker, so dass ihnen die Jugendlichen wegliefen.

Walter Ulbricht propagierte dann die „gepflegte Beatmusik“ ...

... wir sagten: kastrierte Musik ...

In einer berühmten Rede forderte er 1965, mit der „Monotonie des ,Yeah, Yeah, Yeah'“ Schluss zu machen.

Ich wurde mit meiner ersten Band, den Butlers, verboten. Sie glaubten, sie könnten das „Beatgruppen“-Problem über Verbote lösen. Das hielt zwei Jahre, danach waren wir als Klaus Renft Combo wieder da.

Sie sahen 1973 mit ihren langen Haaren, breiten Ledergürteln und Vollbärten nicht gerade vertrauenerweckend aus.

Für uns galt deshalb eine Mediensperre. Es gibt nicht eine einzige Aufzeichnung von uns, die beweisen würde, dass wir bei den Weltfestspielen aufgetreten sind. Als wir bei der Abschlusskundgebung neben Erich Honecker und Angela Davis auf der Tribüne standen, hatte man uns am äußersten Rand platziert. Was da in Berlin passierte, sollte auf die Hauptstadt beschränkt bleiben. Den ausländischen Besuchern konnte für einen kurzen Moment suggeriert werden, dass es auch richtige Rocker in der DDR gab. Wir wurden missbraucht. Aber das merkten wir nicht gleich.

Wie lautete die Botschaft der Weltfestspiele?

Das sieht jeder anders. Die einen sind nur zum Vögeln hingefahren, andere wollten ihre Gaudi haben, ein paar glaubten, in der DDR ginge es jetzt anders herum, und die Funktionäre wollten die DDR international darstellen. Als Band interessierte uns nur die Masse.

Von Berlin schien das Zeichen auszugehen, dass Sozialismus Spaß machen kann.

Wir hatten in der DDR eine Menge Spaß. Die Enge ließ uns zusammenrücken. Und wir wussten um den Wert einer Elvis-Presley- Single, die über dunkle Kanäle in den Osten gelangt war. Heute liegt das Zeug überall herum. Ich erinnere mich an einen Bluesschuppen in Müsen, zu dem die Leute jede Woche mit ihren Militärparkas und Schlafsäcken kamen. Nach der Polizeistunde um Mitternacht, wenn wir aufhören mussten, legten die sich einfach in ihre Parka und schliefen auf dem Fußboden. Der Tanzsaal wurde zum Schlafsaal. In der Früh dann das große Hallo.

Mit „Ketten werden knapper“ haben Sie zu diesem Anlass ein neues Lied geschrieben. Was wollten sie damit bewirken?

Das ist doch klar. „Singt für alle, die alles wagen/ Für die Leute in jedem Land/ Die gemeinsam den Erdenball tragen/ Dass kein Mensch mehr noch steht am Rand - Ketten werden knapper/ Und brechen sowieso.“ Und dann kommt die kritische Stelle: „An der Hand des Riesen/ Der tausend Nasen hat/ Der braucht nur zu niesen/ Und wendet das Blatt.“ Damit war das Volk gemeint. Aber als uns der Chef der Abnahmekommission fragte, wen wir denn hier angesprochen hätten, kam einer auf die glorreiche Idee zu sagen, natürlich die Sowjetunion. Viele Texte waren bewusst zweideutig gehalten. Untereinander haben wir heftig um die Vertretbarkeit von Textzeilen gestritten, das ging bis zum Zerfall der Gruppe.

Wollten Sie die Grenzen austesten?

Grenzen, was heißt Grenzen? Ulbricht hatte den großen Satz gesagt: „Wer auf dem Boden des Sozialismus steht, für den gibt es in der Kunst keine Tabus.“ Das haben wir wörtlich genommen, was dann ja auch unser Ruin war. Grenzen haben sich in der DDR automatisch ergeben. Innerhalb der gebotenen Spielräume konnte man sich gar nicht bewegen. Wenn wir angefangen hätten, über billige Mieten zu singen oder dass keiner arbeitslos ist und alle die Norm erfüllen, hätte man uns von der Bühne gefegt. Das interessierte niemanden.

Hatten Sie das Gefühl, dass Sie mit Ihrem Erfolg wuchern könnten?

Nein, da waren wir zu naiv. Wir wussten, dass uns Erfolge zu Hause in Leipzig heimgezahlt werden würden. Dort hieß es: Den werden wir es noch zeigen.

Wurden die Songs als Angriffe verstanden?

Sie müssen bedenken, dass wir eine sehr laute Band waren. Den Leuten war es eigentlich egal, was wir da sangen, denn die Verstärkeranlagen waren gar nicht dafür ausgelegt, Texte verständlich zu machen. Wichtig war der Rhythmus, das krachende Schlagzeug, kreischende Gitarren. Über den Inhalt machte sich niemand Gedanken. Trotzdem haben wir vielen eine Lebenshilfe geboten. Erst im Nachhinein erfuhr ich, dass Menschen unseretwegen im Knast saßen. Einer wollte sich das Leben nehmen, als er eines unserer Stücke hörte, gab ihm das wieder Kraft.

Nur zwei Jahre nach den Weltjugendfestspielen wurden Sie für „nicht mehr existent“ erklärt. Warum ließ man Sie erst groß werden und dann verbieten?

Es ist bestimmt nicht angenehm, ein Volk zu unterdrücken. Auch nicht für die Unterdrücker. Aber wichtiger ist, dass man an der Macht bleibt. In dem Augenblick, als aus Sicht der Staatsführung die Gefahr bestand, eine Bewegung entstehen zu sehen, die sich ihrer Kontrolle entzog, nahmen sie alle Zugeständnisse zurück.

Das Gespräch führte Kai Müller.

Die Klaus Renft Combo spielt am 2./3. August um 20 Uhr im Podewil. „Heldinnen, Bands & Klassenbrüder“ heißt die Veranstaltungsreihe, die ab heute in der Volksbühne (Beginn 11 Uhr), morgen auf dem Alexanderplatz (11 Uhr), im Kaffee Burger (17 Uhr) und im Orphtheater (19 Uhr) an die X. Weltjugendfestspiele 1973 erinnert. Renft hat mit „Unbequem wollen wir sein“ zudem eine Raritäten-CD veröffentlicht (Buschfunk). (01.08.2003)
[Der Tagesspiegel]
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